Jean-Paul Gaultier: From the Sidewalk to the Catwalk


Die Kunsthalle feiert mit Jean Paul Gaultier ihre erste Mode-Präsentation, ihr 30jähriges Jubiläum und ihre 100. Ausstellung.

Seit 40 Jahren zählt Jean Paul Gaultier (*1952), Enfant terrible der internationalen Modewelt, zu den bedeutendsten Couturiers. Wie kein Zweiter hat er mit seinen kühnen und ironischen Kreationen immer wieder unsere Vorstellung von Mode und Schönheit herausgefordert. Exklusiv in Deutschland zeigt die Kunsthalle München eine umfassende Ausstellung, in der das vielfältige und faszinierende Wirken Jean Paul Gaultiers gewürdigt wird.

In seinem gesamten Schaffen macht es sich Gaultier zur Aufgabe, gängige Auffassungen gesellschaftlicher Rollen der Mode zu hinterfragen und die grundlegenden Herstellungsprinzipien des Modedesigns mutig zu erweitern. So nutzt er ungewöhnliche Materialien wie Federn, Tierhaut, Kristalle, Metalldosen oder Gummi und lässt diese in seinem Pariser Mode-Atelier mit größter Handwerkskunst oft in unkonventionellen Kombinationen zu seinen Avantgarde-Kreationen verarbeiten. Inspiration findet er in Paris selbst, aber auch im Zelebrieren diverser Kulturen – von der Geisha bis zum Torero –, in der Welt des Pop und der Massenmedien oder in Subkulturen wie den Londoner Punks oder New Wave. Das gesellschaftliche Ideal des bekennenden Schwulen ist das Recht darauf, anders zu sein und die eigene Identität zu leben. Berühmt wurden z.B. Gaultiers Männerröcke, durch die er gängige Geschlechter-Stereotype und tradierte Mode-Codes auf den Prüfstand stellt. Ohne Zweifel ist der Designer heute Kult – sowohl in der Haute Couture als auch in der Populärkultur.

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Foto: Impression der Ausstellung The Fashion World of Jean Paul Gaultier. From the Sidewalk to the Catwalk im Grand Palais Paris, 1. April–3. August 2015, Quelle: kunsthalle-muc.de

In der Ausstellung werden ca. 160 seiner Kreationen von den frühen 1970er Jahren bis heute präsentiert. Neben den Haute-Couture- und Prêt-à-porter-Modellen zählen zu ihnen Kostüme z.B. für Filme Pedro Almodóvars und Bühnenoutfits für Popstars; etwa das berühmte Korsett, mit dem Madonna 1990 auf ihrer Blond Ambition Tour für Furore sorgte. Neben der Queen of Pop stellen auch Kylie Minogue und andere Stars ihre Gaultier-Unikate als Leihgaben zur Verfügung.

Die enge Zusammenarbeit Gaultiers mit Künstlern wie Pierre et Gilles, Peter Lindbergh, Cindy Sherman und Andy Warhol wird anhand von künstlerischem und dokumentarischem Filmmaterial, Videos und Fotos umfassend präsentiert. Die Ausstellung ist keine reine Mode-Werkschau, sondern eine spektakuläre multimediale Inszenierung; ein Gesamtkunstwerk, das dem Besucher in einer opulenten Show den Geist Gaultiers spürbar macht.

Exklusiv für die Münchner Präsentation fotografierte Peter Lindbergh das Plakat- und das Katalogmotiv mit Jean Paul Gaultier und Nadja Auermann. Die Ausstellung wurde vom Montreal Museum of Fine Arts in Zusammenarbeit mit der Maison Jean Paul Gaultier und der Kunsthalle München organisiert.

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Foto: Peter Lindbergh Jean Paul Gaultier & Nadja Auermann, Paris, 2015. © Peter Lindbergh Studio, Paris / Gagosian Gallery Vampires Kollektion, Herbst 2014, Quelle: kunsthalle-muc.de

Die Ausstellung ist in 7 Kapitel gegliedert, in denen ca. 160 Kreationen aus allen Schaffensphasen Gaultiers präsentiert werden:

Der Salon

Als kleiner Junge hielt Gaultier sich gern im Schönheitssalon seiner Großmutter auf. Er war fasziniert vom altmodischen Charme ihrer Garderobe – besonders vom Korsett, das zu einem zentralen Stück seines Œuvres wurde. Zahlreiche Stars zeigten sich in Variationen des Kleidungsstücks mit den spitzen Brüsten, so auch Madonna während ihrer legendären Blond Ambition Tour 1990.

Die Odyssee

Das Abenteuer der großen Seefahrt ruft eine Welt auf, in der grundlegende und immer wiederkehrende Figuren aus Gaultiers Kollektionen ihren Ursprung haben. Hier treffen Matrosen mit Meerjungfrauen, Sirenen und Nymphen zusammen – Gestalten, die als Prototypen männlicher und weiblicher Verführung gelten. Sie werden mit verschiedenen Madonnenfiguren konfrontiert, die eigentlich einen jungfräulichen Gegenentwurf zu den triebhaften Mischwesen des Ozeans bilden. Gaultier verleiht ihnen jedoch gleichzeitig auch lasziv-verführerische Züge.

Die Musen

Der Designer holt Persönlichkeiten auf den Laufsteg, die sich dem gängigen Schönheitsideal widersetzen, wie die füllige Beth Ditto, Sängerin der Band Gossip. Er stellt die geschlechtliche Zuordnung von Kleidung auf den Kopf, wenn er weibliche und männliche Garderobe kombiniert oder Männer Frauenkleider tragen lässt und umgekehrt. Dazu passt, dass er der Erste war, der mit androgynen Models wie Tanel Bedrossiantz zusammenarbeitete. Aber auch seine Zusammenarbeit mit Conchita Wurst wird hier vorgestellt.

Metropolis

Die Großstadt ist der Ort, an dem die bunte Modewelt mit den Show-Spektakeln des Kinos und des Fernsehens, der Musik und des Tanzes zusammentrifft. Gaultier entwarf Kostüme für Theater, Oper und Kino; für Filme wie Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber (1989) von Peter Greenaway, Kika (1993), Schlechte Erziehung (2003) und Die Haut, in der ich wohne (2011) von Pedro Almodóvar, Die Stadt der verlorenen Kinder (1995) von Marc Caro und Jean-Pierre Jeunet sowie Das fünfte Element (1997) von Luc Besson. 2002 wurde der Kinoliebhaber als erster Modeschöpfer Mitglied der Jury des Filmfestivals von Cannes.

Großstadt-Dschungel

Gaultier schafft eine ganz neue Ästhetik, in der das Kleidungsstück den Dialog zwischen verschiedenen Kulturen und Ethnien verkörpert. So werden geografische Grenzen, religiöse Überzeugungen und Sprachbarrieren überwunden. Gaultier schafft Hybride aus der Welt der Großstadt und der wilden Natur, aus Tradition und Moderne, aus dem Animalischen und dem Kultivierten. Man stößt bei ihm auf die Boleros der Toreros, auf die Schtreimel und die langen dunklen Mäntel der Rabbiner, die Kimonos der Geishas, Westen aus der Mongolei, auf Flamenco-Röcke und afrikanische Masken.

Punk cancan

Das facettenreiche Bild, das Gaultier von Paris zeichnet, ist von unterschiedlichen Epochen geprägt. Er ist von der Zeit der Belle Époque um 1900 fasziniert, zu der Toulouse-Lautrec und das Moulin Rouge gehören. Nachkriegs-Ikonen wie Juliette Gréco erweist er seine Referenz, aber auch Frauentypen des Pariser Alltags, von der Concierge bis zur Bourgeoise. Einen eklatanten Gegensatz zur Eleganz der französischen Hauptstadt entdeckt Gaultier als Teenager in London. Die nonkonformistische Kleidung der Punks – Latex, Leder, Netz- und Schottenkarostoffe, Sicherheitsnadeln, Nieten und Metallstacheln – vereint er mit den feinen Federn, Boas und Rüschen des französischen Tanzes.

Hautnah und »Nicht jugendfrei«

In seinen Kollektionen hinterfragt Gaultier die Konzepte von Geschlecht, Nacktheit und Erotik. Der menschliche Körper ist in vielerlei Hinsicht die Grundlage seiner Arbeit. Gaultiers ungewöhnlicher Umgang mit Materialien bricht mit den ästhetischen Normen der Haute Couture und des Prêt-à-porter. Sein Modeuniversum ist gespickt mit Modellen, die auf sexuelle Praktiken wie Bondage, auf Dominanz und Unterwerfung anspielen.

Die Bräute

Es ist Tradition, eine Modenschau mit der Braut zu beenden; im Fashion-Business gilt es als große Ehre für ein Model, ein Defilee im Brautkleid beschließen zu dürfen. Gaultiers Bräute sind von unterschiedlichsten Quellen inspiriert und brechen häufig mit dem »Prinzessinnenbild«, das der Figur anhaftet.

Foto: Impressionen der Ausstellung The Fashion World of Jean Paul Gaultier: From the Sidewalk to the Catwalk im Montreal Museum of Fine Arts 17. Juni–11. Oktober 2011 Foto: MMFA, Denis Farley Mannequins mit Projektionen: Konzept UBU/Compagnie de création, Quelle: kunsthalle-muc.de
Foto: Impressionen der Ausstellung The Fashion World of Jean Paul Gaultier: From the Sidewalk to the Catwalk im Montreal Museum of Fine Arts
17. Juni–11. Oktober 2011
Foto: MMFA, Denis Farley
Mannequins mit Projektionen: Konzept UBU/Compagnie de création, Quelle: kunsthalle-muc.de

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